Von Viktoria Kravtschenko | Veröffentlicht am 02.10.2026 im Nordkurier
Karate lernte Torsten Rabe einst heimlich in der DDR. Heute blickt sein Verein in Crivitz auf 35 Jahre, Weltmeistertitel und eine besondere Gemeinschaft.
Mehr als 100 Kinder stehen 1991 in der Sporthalle, später kommen noch einmal rund 50 Erwachsene dazu. Sie alle wollen wissen, was es mit dieser damals noch geheimnisvollen Kampfkunst auf sich hat. Kann man mit Karate wirklich Steine mit bloßen Händen zerschlagen? Und wann wird endlich gekämpft?
An diesen ersten Anfängerkurs vor 35 Jahren erinnert sich Torsten Rabe noch genau. Aus den neugierigen Anfängen ist längst eine feste Tradition und aus einigen seiner Schüler sind Weltmeister geworden.
Rabes eigene Karate-Geschichte beginnt schon einige Jahre früher. Als Jugendlicher hatte er zunächst Judo gemacht, ehe er eher zufällig zu einer Gruppe stieß, die sich Karate weitgehend selbst beibrachte. „Zu DDR-Zeiten gab es hier kein Karate“, erinnert er sich. Also wurde heimlich trainiert. Nach Rabes Erinnerung stand die Gruppe sogar unter Beobachtung. „Nichtsdestotrotz haben wir so heimlich, still und leise Karate gelernt.“
Prüfungen oder reguläre Strukturen gab es nicht. Obwohl sie bereits mehrere Jahre trainierten, trugen die Karateka weiterhin weiße Gürtel. „Wer sollte bei uns die Prüfung abnehmen? Es gab ja keinen.“ Erst nach der Wende entstanden Kontakte zu erfahrenen Trainern und einem Verband. Schließlich wurde Rabe gefragt, ob er selbst etwas aufbauen wolle. Er wollte – und traf damit offenbar einen Nerv.
104 Kinder und Jugendliche kamen zum ersten Anfängerkurs, später folgten rund 50 Erwachsene. Karate war für viele neu und die Erwartungen entsprechend groß. Vor allem wollten die Anfänger wissen, wann endlich gekämpft wird. „Du musst erst mal lernen, richtig zu stehen“, erinnert sich Rabe. Auch das Zerschlagen von Dachziegeln gehörte nach der Wende bei Vorführungen tatsächlich dazu.
Heute sind solche Showeffekte längst in den Hintergrund gerückt. Karate bedeutet für Rabe weit mehr als Schläge und Tritte. Rund 100 Mitglieder zählt der Verein Karasu-Tengu heute. Einige der Schüler von damals geben ihr Wissen inzwischen selbst weiter. Verena Wirth, Anja Hacker und Tibor Weiss gehören zu den Karateka der ersten Stunde und stehen heute als Trainer vor der nächsten Generation.
Auch sportlich hat sich der Verein einen Namen gemacht. Verena Wirth holte 2000 den ersten Weltmeistertitel nach Crivitz und gewann im Laufe ihrer Wettkampfkarriere insgesamt sieben WM-Titel in Kata, den festgelegten Bewegungsformen, und Kumite, dem Freikampf. Rabe selbst wurde Europameister im Kumite und Weltmeister in Kata.
Inzwischen feiert auch die nächste Generation Erfolge: Timon Kuznik gewann als Nachwuchs-Karateka bereits vier Weltmeistertitel – jeweils zwei 2023 und 2025 in Kata und Kumite. Doch Medaillen allein sind für Rabe nicht entscheidend. Wettkämpfe sieht er auch als Möglichkeit, das Gelernte außerhalb der vertrauten Halle unter Druck abzurufen. „Die Erfolge kommen von ganz alleine“, sagt er. Wichtig sei vor allem, kontinuierlich dranzubleiben.
Wie weit dieser Weg führen kann, zeigte sich 2025. Mit 15 Teilnehmern reiste der Verein zur Weltmeisterschaft nach Japan, das Jugendteam kehrte mit einem Weltmeistertitel zurück. Für Rabe wurde jedoch ein anderer Moment zum Höhepunkt: Gemeinsam mit Menschen, die einst seine Schüler waren und heute selbst Trainer sind, trat er als Team an. Sie erreichten den dritten Platz. „Das war das Schönste eigentlich für mich“, sagt er. Passend zum 35-jährigen Jubiläum und den Erfolgen in Japan ließ die Stadt das Vereinslogo an der Trainingshalle der Grundschule „Fritz Reuter“ anbringen. Gestaltet wurde es vom Künstler Marten Lange.
Denn wer bei Rabe trainiert, soll nicht einfach lernen, möglichst hart zuzuschlagen. Höflichkeit, Geduld, Selbstbeherrschung und gegenseitige Achtung gehören für ihn genauso dazu. Gerade bei Kindern und Jugendlichen zieht er eine klare Grenze: Wer die erlernten Techniken etwa auf dem Schulhof missbrauche, habe im Training nichts mehr zu suchen.
Schließlich vermittle er Fähigkeiten, mit denen Menschen verletzt werden könnten – und damit trage auch der Trainer Verantwortung. Rabe selbst wird im kommenden Jahr 60. Ans Aufhören denkt er nicht. Sein Bundestrainer ist inzwischen 80 und steht noch immer bei Lehrgängen vorne. Für Rabe ein Beispiel dafür, dass Karate ein Sport fürs Leben sein kann. Und wie lange will er selbst noch in der Halle stehen? Auf die Frage, ob er auch mit 95 noch trainieren werde, kommt die Antwort prompt: „Auf alle Fälle.“
"Es geht nicht darum, zu lernen einen Gegner zu besiegen, sondern in erster Linie immer sich selbst."